Zurück nach Europa 3


Nach 2304 Seemeilen und 17 Tagen (auf die Stunde genau) auf See haben wir in Laja das Flores, auf der nordöstlichsten der Azoreninseln (Flores) festgemacht. Wir sind überglücklich, weil wir es noch vor dem Sturmtief geschafft haben in den Hafen zu kommen.

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Die Tour über den Atlantik ging eigentlich sehr gut. Die erste Woche haben wir einen Kurs von ca 30 Grad gehalten, um mit dem überraschend lang anhaltenden Passatwind noch Norden zu kommen. Danach hatten wir einen mehr oder weniger direkten Kurs nach Flores eingeschlagen. Wir haben versucht uns genau zwischen den Hoch- und Tiefdruckgebieten zu halten, um nicht in einer Flaute zu landen. 12 Stunden mussten wir dann doch mit dem Motor nachhelfen, um ein Hoch (mit Flaute) zu überqueren, bis wir in die Westwindzone gekommen sind. Auch danach hatten wir eigentlich immer gut Wind, so dass wir segeln konnten. Das war auch gut so, denn wir haben ja nur einen 100l Dieseltank und zusätzlich noch 60l in Ersatzkanistern unter den Matratzen im Vorpik verstaut. Wir hatten Wind von 3 bis 36 Knoten und meist konnten wir tagsüber segeln, ohne irgendwas an den Segeln zu ändern, aber sobald es dunkel war, kam meist mehr Wind auf und wir hatten häufig 1-2 Reff im Grossegel und oft auch die Genua nicht ganz ausgerollt. Die ersten Tage waren unerträglich heiß unter Deck, da wir wegen der Wellen, die über das Boot gespritzt haben, keine Luken offen haben konnten. Mit einer Luftfeuchtigkeit von über 80% war es wirklich fast unerträglich und wir haben uns so wenig wie möglich bewegt. Unterwegs hatten wir per eMail Kontakt mit Anatres, Midnight Sun und Thorang La. Das war immer sehr nett und so haben wir auch erfahren mit was für Problemen sich die anderen herumplagen mussten. Bei Antares funktioniert der Autopilot nicht mehr, aber sie haben zum Glück eine gut funktionierende Windsteuerung. Midnight Sun haben ein Leck in einem Wassertank, außerdem noch ein undichtes Fenster. Ein paar Tage später kamen dann aber die echt heftigen Mails. Antares hat ein kaputtes Getriebe, d.h. die haben jetzt keinen Motor mehr (dafür haufenweise Dieselkanister an Deck…). Midnight Sun, die vor ein paar Tagen dachten, sie seien mit etwas kollidiert, als sie einen lauten Schlag hörten, haben nun herausgefunden, dass das „Toggle“ mit dem der Vorstag mit dem Rumpf verbunden ist, gebrochen ist. Zum Glück hatte sich das Ganze so verkeilt, dass es den Vortstag trotzdem noch gehalten hat. Im schlimmsten Fall hätte der Mast herunterkommen können. Jörg und Gerwin haben den Schaden heldenhaft(!) repariert und das Toggle ausgetauscht bekommen. Das war sicher nicht einfach bei Seegang und mit Mast stabilisieren. Außerdem haben sie inzwischen mehrere Luken die undicht sind und Jörg bezeichnet das Boot nun als Tropfsteinhöhle. Der Atlantik zollt seinen Tribut. Wir sind froh, das bei uns bisher alles ohne größere Probleme läuft, obwohl sich die Befestigung für den Autopiloten an der Pinne wieder gelöst hat (das selbe Problem, dass wir auf der ersten Atlantiküberquerung schon hatten). Aber nachdem wir den „Nubbel“ mit dem Hammer wieder reingeklopft haben, hält es wieder für eine Weile… Zum Glück brauchen wir den Autopilot nicht so häufig (eigentlich nur, wenn wir mit Motor fahren), und die Windsteuerung funktioniert sehr gut. Aber auch unser Glück sollte nicht ewig halten:

Inverter kaputt

Am 11. Tag ging der Inverter kaputt! Da haben wir extra 2 PC´s mit, falls einer kaputt geht, damit wir immer noch Wetter holen können, und dann geht das Teil kaputt, mit dem wir die Rechner laden!!! Zum Glück war der Bord-PC gerade eingesteckt und voll geladen, als der Inverter den Geist aufgegeben hat. Von nun an werden wir nur noch jeden 2. Tag das Wetter holen und wir geben allen Bescheid, dass sie uns keine eMails mehr schicken dürfen. Wenn man mit der Kurzwelle Wetter holt oder Mails verschickt, dauert das immer relativ lange und wir wollten uns auf jeden Fall den Rest Ladung fürs Wetter holen aufsparen. Jedes Mal, nachdem Enno das Wetter geholt hatte, hat er es auf einen USB- Stick gezogen, um es dann auf einem unserer MacBooks anzuschauen, um möglichst wenig Strom vom Bord-PC zu verbrauchen. Leider haben unsere MacBooks auch nicht ewig Ladung und meines ist schon nach 2 Tagen leer, da es nicht voll geladen war. Zum Glück war Enno´s MacBook noch voll! Mit Erhard von Antares haben wir außerdem oft per Satellitentelefon Kontakt und diskutieren Wetter und Route. Es ist nämlich ein heftiges Sturmtief im Anmarsch, dem wir nicht ausweichen können. Wir müssten mit dem Motor 300 Seemeilen nach Süden ausweichen, aber dann hätten wir keinen Diesel mehr und würden wahrscheinlich südlich von einem Hoch fest hängen, wo wir dann womöglich wochenlang nicht weiterkämen. Das ist also keine Option. Antares, die 3 Tage vor uns in St. Martin gestartet sind, schafft es ohne Probleme rechtzeitig bis Horta (auf Faial) und Midnight Sun, die einen Tag nach uns gestartet sind, weicht nach Süden aus. Wir haben ausgerechnet, dass wir es rechtzeitig bis nach Flores schaffen, wenn wir 6 Knoten Fahrt halten können. Ab jetzt sind wir im Regatta-Modus. Wenn der Wind nicht ausreicht, um mindestens 5,5 Knoten Fahrt zu haben, nehmen wir den Motor zu Hilfe. Mit Motorsegeln (1800 RPM) verbraucht der zum Glück nicht viel Diesel, aber als wir am 15. Tag schon vor dem Frühstück die ersten 2 Dieselkanister in den Tank umgefüllt haben und es so aussieht, als ob wir den Rest mit Motor zurücklegen müssen, bin ich dauernd am rechnen. Da wir meistens Gegenstrom haben läuft der Motor mit 2300 Umdrehungen und verbraucht mehr Diesel als wir wollen. Hätten wir noch einen vierten Kanister, wäre ich beruhigter, aber eigentlich müsste es reichen… Die Stimmung an Bord (meinerseits, Enno ist eigentlich ganz zuversichtlich) ist schon ziemlich angespannt. Abends füllen wir den letzen Dieselkanister in den Tank. Nachdem nachmittags schon die erste Steuereinheit vom Autopilot kaputt ging (irgendein elektronisches Problem, die macht gar nichts mehr) ist dann abends die zweite Steuereinheit auseinandergefallen… die lässt sich vielleicht wieder reparieren. Nun haben wir die dritte, letzte und noch völlig ungebrauchte Steuereinheit in Betrieb und hoffen, dass die besser hält. Da wir mit dem Motor fahren, funktioniert die Windsteuerung nicht. Einige Zeit steuern wir auch von Hand, aber das ist nicht so lustig, denn inzwischen ist es viel kühler und wir haben schon Wollsocken und lange Unterhosen unter den Segelklamotten an. Außerdem haben wir den ersten richtigen Regentag auf der gesamten Tour. In der Nacht kam dann doch wieder genug Wind auf, um zu segeln und wir konnten den Motor für einige Stunden abstellen. Leider ist der Wind wechselhaft, so dass wir die Segel innerhalb kurzer Zeit 3x hissen und wieder runter nehmen. Wir sind wirklich im Regatta- Modus. Am 17. Tag morgens um 8 Uhr kommt Land in Sicht!! Und um 14 Uhr liegen wir gut vertäut im Hafen. Ein nettes holländisches Paar hat uns in Empfang genommen und uns ein kaltes „Einlaufbier“ spendiert, da wir vor lauter Sturmtief nicht daran gedacht haben, Bier in den Kühlschrank zu stellen (unterwegs gibt es keinen Alkohol an Bord). Die Sonne kommt wieder raus und wir sind froh, dass wir vor dem Sturm, und sogar noch mit einem fast halb vollen Tank, angekommen sind.

Was wir sonst noch so erlebt haben unterwegs:

Tiere: Am ersten Tag, als wir an der Küste von Anguilla lang gesegelt sind, entdecken wir nicht weit von uns weg einen Wal, der dauernd mit seiner Schwanzflosse aufs Wasser schlägt. Er hat eine schwarze Flosse mit weißer Unterseite. Warum er dauernd damit aufs Wasser schlägt wissen wir nicht. Vielleicht will er Parasiten los werden, oder er fühlt sich gestresst, oder es macht einfach nur Spaß?!? Zum Glück sind wir ein Stück weit von ihm weg, denn es wirkt so, als ob er total vertieft in sein Tun ist, so dass wir nicht sicher sind, ob er uns bemerkt hat. Walkollisionen sind nicht ganz so selten, wie wir inzwischen mitbekommen haben. Zum Glück haben wir unseren Watt&Sea in Dauerbetrieb, um Strom zu produzieren. Der macht so viel Lärm, dass die Wale den unmöglich überhören können, selbst wenn sie schlafen. Kurz vor Flores hat Enno auf einmal den „Blas“ von einem Wal direkt voraus gesehen. Wir haben den Kurs geändert, um nicht mit ihm zu kollidieren, aber der Wal ist auch abgetaucht. Der hatte uns sicher auch schon bemerkt. Kurz zuvor haben uns ein paar Delfine begleitet, die mit der Bugwelle von Inua gespielt haben. Die Delfine sind kleiner, als die, die wir bisher gesehen haben. Auf der gesamten Strecke haben wir immer wieder Seevögel gesehen. Anfangs noch die hübschen weissen, schlanken Vögel mit dem langen Schwanz, danach dann etwas dickere dunklere Vögel und auch einige „havlire“ (norwegisch, „shearwater“ auf englisch, keine Ahnung wie die auf deutsch heißen). Eine „havlire“ hatten wir ja an Bord auf dem Weg von Lissabon nach Porto Santo… gut, dass dieses Mal keine Ambitionen hatten an Bord zu kommen. Ein kleiner Tintenfisch wurde mit einer Welle an Bord gespült.

kleiner Tintenfisch

kleiner Tintenfisch

Wetter, Wind und Wellen: Wir sind bei Sonnenschein gestartet und hatten eigentlich auf der gesamten Tour schönes Wetter. Anfangs war es unerträglich heiß und wir haben uns über die wenigen Tage, an denen es bedeckt war, gefreut. Nur einen Tag hatten wir ordentliches Regenwetter und an dem Morgen, an dem wir in Flores ankamen hat es auch geregnet. Nachmittags war es dann wieder sonnig. Die Lufttemperatur unter Deck ist im Laufe der Überquerung von 33°C auf 22°C gesunken, die Außentemperatur von 30°C auf 17°C und die Wassertemperatur von 27°C auf 18/19°C. Eigentlich hatten wir gedacht, dass es auf den Azoren um diese Zeit schon etwas wärmer ist. Aber wir sind trotzdem froh, der Hitze in der Karibik entronnen zu sein, hihi. Die Luftfeuchtigkeit ist generell hoch und nachts ist es im Cockpit immer patschnass, obwohl es sternenklar ist. Ab der 9. Nacht ist es richtig kühl und wir haben den Niedergang geschlossen, Enno fragt nach einer „richtigen“ Zudecke (seither hatten wir nur eine dünne Fleecedecke im Bettbezug). Wind hatten wir von 3 -36 Knoten, anfangs aus südöstlicher Richtung (Passat), später dann von Südwest. Von Anfang an hatten wir eine relativ raue See und die Wellen haben regelmäßig übers Deck geschlagen. Es war eine recht schaukelige Überfahrt, da wir die Wellen oft von schräg hinten hatten. Ein paar Tage waren wir auch etwas höher am Wind, was Inua dann mit einer ordentlichen Schräglage quittiert hat. Die Küche war dann entweder eine Etage höher oder tiefer, je nach Lage. Sehr oft hatten wir Gegenstrom, und das teilweise mit 1-2 Knoten. Da wurde die See dann besonders kabbelig, als wir Wind gegen Strömung hatten…

Klamotten unterwegs: Alles von Badehose + T-Shirt bis Wollsocken, lange Unterhosen und volle Segelmontur. Und an 1 ½ Tagen sogar unsere Regenhüte.

mitten auf dem Atlantik

mitten auf dem Atlantik

mitten auf dem Atlantik, Regenwetter

mitten auf dem Atlantik, Regenwetter

Sternenhimmel: außer, dass der Sternenhimmel auf See immer fantastisch ist, haben wir Wetterleuchten, Zodiakallicht, Sternschnuppen und einen Meteor gesehen!!

Schiffsverkehr: Am ersten Tag haben wir noch 4 weitere Segelboote auf demselben Kurs wie wir gesehen. Die waren allerdings am nächsten Morgen über alle (Wellen-) Berge. Wir sind einigen Frachtern begegnet und eine Superjacht hat uns überholt. Die haben uns sogar über VHF angerufen und gefragt, ob bei uns alles OK ist und uns das neueste Wetter berichtet. In einer Nacht (11.) kamen uns 2 Segelboote entgegen, nur eines davon mit AIS. Ich hatte es gerade steuerbord voraus entdeckt, als der AIS-Alarm auch schon losging. Kurz darauf wurden wir auch schon über VHF von Nivea gerufen. Wie sich herausstellte, ist eine Single-Handed-Regatta von Plymouth nach New York (also gegen die Windrichtung!) unterwegs. Nachdem wir uns eine Weile über Funk auf englisch unterhalten haben, stellt sich raus, dass Anne Deutsche ist und wir sind alle hoch erfreut, dass wir mitten auf dem Atlantik deutsch reden können. Sie ist viel südlicher vom eigentlichen Kurs, da sie Probleme mit ihrem Grossegel hat und nicht allzu hoch am Wind segeln kann… Wir sind voller Bewunderung, eine Frau allein unterwegs und mit dem Wind entgegen. Ganz schön anstrengend. Als wir in Flores wieder Internet haben, finden wir heraus, dass Anna es als einzige Frau geschafft hat ins Ziel zu kommen. Das ist echt eine Leistung!! (http://www.thetransat.com/skippers/view/anna-maria-renken)

Tribute an den Atlantik: Unser Inverter, der am 11. Tag einfach nicht mehr wollte. Erst sah es so aus, als ob nur eine Sicherung durchgebrannt ist, aber auch eine neue Sicherung hat nichts geholfen. Der „Nubbel“ vom Autopilot, der sich dauernd aus der Pinne löst, obwohl wir den gut mit Epoxy einbetoniert haben. Der Hammer hat geholfen. Bei einer Patenthalse haben wir mal wieder einen Reißverschluss am Sprayhood gekillt. Den auf der anderen Seite hat die Grosschot kaputtgemacht, als sie eine Nacht auf den Reißverschlusszähnen herumgerubbelt hat und die dann ausgefallen sind…Obwohl in einer Nacht die Befestigung von einem Block der Windsteuerung gerissen ist, hat sie trotzdem gut weitergesteuert. Wenn hingegen die Schrauben an der Steuerstange der Windsteuerung sich lockern, was relativ häufig passiert, steuert „Hedda“ einen Zickzack-Kurs nach dem Mond… Da können wir sicher mit etwas LocTite nachhelfen.

Müll: Leider haben wir unterwegs sehr viel Müll gesehen, leere Plastikflaschen und anderen Plastikmüll, egal wohin wir geschaut haben. Grausig!! Auch an einem großen orangen Fender und einem Rettungsring sind wir dicht vorbeigesegelt. Wahrscheinlich treibt die Strömung hier alles zusammen. Wir haben auf der gesamten Tour 2 Säcke Müll produziert und diese ordnungsgemäß in Flores in den entsprechenden Mülltonnen entsorgt. Der einzige Müll, der bei uns über Bord gegangen ist, war biologischen Ursprungs.

mitten auf dem Atlantik

mitten auf dem Atlantik


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3 comments on “Zurück nach Europa

  • MuPa

    Hallo ihr Zwei!
    Ein Bericht, der an Spannung nichts zu überbieten hat!! Weiter so, dann schaft ihr es vollends bis nach Hause.

    Liebe Grüße aus Tyrol
    Heide & Horst

  • Elke Rodegerdts

    Ihr bezeichnet die Atlantiküberquerung zu den Azoren als sehr gut, aber wir Laien bekommen doch eine leichte Gänsehaut bei Eurer Beschreibung. Dank der inzwischen großen Erfahrung konntet Ihr alle Schwierigkeiten meistern.
    Für Eure nächsten Etappe nach Norden wünschen wir Euch großes Glück, Ilka und Elke-Mami

  • Amelie, Mia, Gudrun & Wolfgang

    Wie schön, daß ihr es vor dem Sturm geschafft habt. Vielleicht werden Enno’s navigatorische Künste ja auf der nächsten Jules Verne Trophy benötigt 😉 Eure Atlantikbekanntschaft Anne hat übrigens für ihre Regattaleistung einen ganzen Artikel in der FAZ bekommen (hier der Link: http://www.faz.net/aktuell/sport/mehr-sport/seglerin-anna-maria-renken-segelt-als-erste-deutsche-ueber-den-atlantik-14257873.html). Schon witzig, daß ihr die Bremerin mitten auf dem Atlantik getroffen habt. Aber ihr seid diesbezüglich ja Spezialisten, wenn ich an das zufällige Treffen mit der Deutschen aus Bodo in Hocksiel denke.
    LG aus Oldenburg und weiter gute Fahrt